Demorede: „Gute Arbeit – fairer Lohn? Nicht am Frankfurter Flughafen!“

Mein Name ist Stefanie Then. Ich bin Mitglied (fast) der ersten Stunde der Bürgerinitiative Eintracht gegen Fluglärm in Niederrad und in der Nachfolge von Jochen Krauß deren Delegierte für das Bündnis der Bürgerinitiativen.

Als ich von den Demo-Organisatoren im letzten Herbst gefragt wurde, ob ich hier sprechen möchte, war ich ziemlich überrascht. Schließlich bin ich in Niederrad politisch aktiv und das ist ein Ausschlusskriterium für Redner. Politisch aktiv bin ich allerdings genau nur wegen der Landebahn Nordwest. Und es ist genau diese politische Aktivität, die mich zu dem Thema gebracht hat, über das ich heute sprechen werde:

Gute Arbeit – fairer Lohn? Nicht am Frankfurter Flughafen!“

Der Titel ist sicher ein bisschen plakativ formuliert, denn selbstverständlich gibt es am Flughafen gut bezahlte Arbeit.

Die findet sich allerdings in den Büros und nicht draußen bei den Bodendiensten, in der Gepäckabfertigung, den Sicherheitsdiensten, bei der Gebäudereinigung oder etwa bei den Caterern.

Wie unzufrieden viele Mitarbeiter am Flughafen mit ihrer Situation sind, das haben uns die vielen Streiks gezeigt, die wir seit Eröffnung der Landebahn Nordwest miterleben durften.

Wir haben Streiks gesehen von den Piloten der Lufthansa, den Flugbegleitern, den Mitarbeitern in der Sicherheit des Frankfurter Flughafens und zuletzt wurden ganz intensiv die unterirdischen Arbeitsbedingungen bei der GCS, einer 100% Tochter der Fraport AG, angeprangert.

Sozialräume, die sich für den Betrachter nachgerade als dunkle, fensterlose Verließe in den Katakomben des Flughafens ausnehmen. Man muss sich nicht darin aufgehalten haben. Man kann alleine durch die Fotografien die schlechte, muffige Luft nachfühlen, die dort herrschen muss. Sanitäre Einrichtungen sind oft Fehlanzeige. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille.

Genauso ist es heute üblich, dass Mitarbeiter von einem Subunternehmen in das andere Subunternehmen – am liebsten ungefragt – verschoben werden. Geltende Tarifverträge werden so ausgehebelt und Sozialstandards bei Seite geschoben.

Alleine bei dem Gebäudereiniger GCS werden neuerdings, so heißt es, vier Subunternehmen beschäftigt, die mit der selben Anzahl an Mitarbeitern bei inzwischen nur noch 6 Stunden-Schichten die Terminals reinigen. Die Mitarbeiter der GCS selbst waren für die selbe Arbeit noch mit 7,5 Stunden-Schichten beschäftigt.

Sie müssen sich vorstellen, was das bedeutet. 6-Stunden-Schichten à 8,50 EUR. Das sind 1.020 EUR/brutto im Monat. Mehr als Mindestlohn wird nämlich in diesem Bereich heute nicht mehr bezahlt. 6-Stunden-Schichten bedeutet aber auch, dass hier die Gesetzgebung keine Pausen mehr vorschreibt.

Noch spannender wird es, wenn wir zu den LSG Skychefs blicken, dem Catering-Unternehmen der Lufthansa. Auch hier geht der Trend zu Subunternehmen, mit denen der Haustarifvertrag ausgehebelt wird. Zwar wurde bei Camso, so heißt eines der angeheuerten Sub-Unternehmen, die die selbe Arbeit wie die Mitarbeiter der LSG Skychfes verrichten, inzwischen der Mindestlohn von 8,50 EUR eingeführt.

Doch das ändert nichts daran, dass die Mitarbeiter in der Regel nur auf Standby eingestellt werden. Dabei sind 80-Stundenverträge pro Monat die Regel. Die Mitarbeiter müssen sich dennoch jeden Tag verfügbar halten, falls plötzlich Bedarf entsteht. So wird aus dem Mindestlohn von 8,50 EUR schnell ein Mindestlohn von 4,25 EUR. 160 Stunden Arbeitsbereitschaft, davon 80 Stunden tatsächliche Arbeit, wird mit 520 EUR brutto entlohnt.

Selbstverständlichkeiten wie Urlaubs- oder Krankengeld gibt es für diese Mitarbeiter nicht. Alleine in diesem Bereich weiß man von rund 2.000 Beschäftigten am Frankfurter Flughafen. Wie viele es tatsächlich sind, das wissen wir indes nicht.

Das ist schlimm. Noch schlimmer erscheint mir, dass hier die festangestellten Mitarbeiter der LSG Skychefs gegen die deutlich schlechter bezahlten Mitarbeiter der Subunternehmen ausgespielt werden.

Was wir also am Flughafen sehen ist eine Abwärtsspirale. Das ist genau das, was der ver.di Landesbezirk Hessen im Jahr 2002 angeführt hat, als er gegen die Landebahn Nordwest einen bis heute gültigen Beschluss gefasst hat. In der Begründung stehen Sätze, die sich, das man muss schon sagen,unglücklicherweise bewahrheitet haben.

Ver.di hat das damals angeführte Arbeitsplatzargument für ein verlogenes Totschlagsargument gehalten, weil sich die Arbeitsplatzentwicklung Ende der 90er Jahre schon längst in eine „andere Richtung“ bewegt hat. Und noch viel mehr vor dem Hintergrund, dass der Fortschritt hier die Gesundheit der Menschen zerrüttet.

Ebenfalls kritisch sah man den damals schon ruinösen Wettbewerb der Luftverkehrsgesellschaften, der zwangsläufig zu Dumpingpreisen führt.

Dumpingpreise bedeuten Kostendruck und Kostendruck führt dazu, dass am Ende Belegschaften gegeneinander ausgespielt werden. Als Gewerkschaft darf man genau das nicht zulassen.

Ich persönlich lese diesen Beschluss aus 2002 in regelmäßigen Abständen, weil die darin geäußerten Befürchtungen allesamt eingetreten sind und trotz der von allen Seiten geäußerten, berechtigten und gut begründeten Kritik dennoch diese Landebahn gebaut wurde.

Die Belastung unserer Gesundheit durch Lärm und Immissionen – falls man diese Abwägung überhaupt machen kann oder darf – wird nicht etwa durch mehr und bessere Arbeitsplätze aufgewogen, sondern viel mehr sehen wir genau das Gegenteil. Die Entwicklung zeigt die von ver.di prognostizierte andere Richtung, nämlich weiter schnurstracks abwärts.

Ver.di sah 2002 darüber hinaus übrigens eine soziale Lärmverslumung rund um den Flughafen voraus. Dies ist ebenfalls ein Prozess, der sich in der Region schleichend breitmacht.

Doch zurück zur aktuellen Situation in den Betrieben am Flughafen. Denn die „andere Richtung“ führt heute zu neuen Befürchtungen. So sind die Befürchtungen der IG Bauen, Agrar und Umwelt, die am Flughafen in den Bereichen Gebäudereinigung und Catering organisiert ist, dass mit dem Bau des Terminal 3, die Abwärtsspirale neuen Schwung aufnehmen wird. Denn durch den Bau mit seinen hohen Kapitalkosten entsteht weiterer Kostendruck, der auf die Beschäftigten abgeladen werden wird.

Gespannt sein dürfen wir auch auf den Einzelhandel. Von den bestehenden Terminals wissen wir, dass die Geschäfte nicht gerade gut laufen, die Shops der hier vertretenen Marken häufig nur eine werbliche Maßnahme sind und weniger als lukrativer Standort betrieben werden. Mit Terminal 3 und den ehrgeizig vielen geplanten Einzelhandelsflächen wird die Situation sicher nicht besser werden. Dadurch entsteht weiterer Kostendruck, der sich unmittelbar auf die Löhne der Mitarbeiter auswirkt.

Zumindest eine kleine positive Entwicklung haben wir im letzten Jahr erfreulicherweise doch sehen dürfen. Bei einer Razzia im letzten Herbst wurde der sogenannte Lastwagenfahrer-Strich ausgehoben. Organisierte Schwarzarbeit auf breiter Front.

Eigentlich war es verwunderlich, dass man hier so lange zugeschaut hat, bis durchgegriffen wurde. Hier haben hauptsächlich Fahrer aus dem Balkan ihre Arbeitskraft schwarz angeboten. Sie fragen sich wie das geht einem wildfremden Menschen seinen LKW anzuvertrauen? Mit GPS geht heute kein Laster mehr verloren.

Vielleicht fragen Sie sich auch, was prekäre Beschäftigung mit unserem Protest gegen die Landebahn Nordwest zu tun hat.

Die prekäre Beschäftigung vieler tausender Mitarbeiter am Frankfurter Flughafen ist ein weiterer Mosaikstein im Gesamtbild einer menschenverachtenden Maschinerie.

Es wird keine Rücksicht auf die Mitarbeiter genommen. Es wird keine Rücksicht auf uns genommen.

Das Betriebsgelände der Fraport AG wurde ungefragt in unsere Vorgärten und über unsere Häuser ausgeweitet.

Die Mitarbeiter werden behandelt, wie ich als Wirtschaftshistorikerin finde, fast schon in einer Art und Weise, die wir zuletzt in der Frühphase der Industrialisierung gesehen haben.

Doch damals haben die Arbeitgeber schnell erkannt, dass man ein Unternehmen nur mit leistungsfähigem und gut ausgebildetem Personal erfolgreich führen kann. Darum hat man in Sozialstandards, aber auch in Bildung investiert und die Mitarbeiter gut bezahlt.

Darüber hinaus wurde bezahlbarer Wohnraum in sogenannten Gartenstädten geschaffen, damit die wenige freie Zeit der Mitarbeiter bei guter Luft und Ruhe verbracht werden konnte.

Die Landebahn Nordwest bedeutet indes schlechte Luft und unerträglichen Lärm. Statt faire Löhne für gute Arbeit bedeutet die Landebahn Nordwest Lohndumping und Aushebelung von Sozialstandards.

Durch eine mutwillig getroffene unternehmerische Entscheidung werden die gemachten Errungenschaft unserer modernen Gesellschaft ins Gegenteil verkehrt. Die Uhr wird zurückgedreht.

Aus diesem Grund ist unser Kampf gegen die Landebahn Nordwest und Terminal 3 gleichbedeutend mit dem Kampf gegen Lohndumping und schlechte Arbeitsbedingungen am Flughafen!

Die BAHN MUSS WEG!

Rede von Stefanie Then, anlässlich der Montagsdemo am 25.1.2016

Es gilt das gesprochene Wort.

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